Die entscheidenden Spiele nicht gezogen
Wer sich die vergangenen knapp zwei Jahre genauer anschaut, findet nämlich genügend Argumente, die eine Trennung aus sportlicher Sicht nachvollziehbar machen. Daniel Brinkmann hat Hansa Rostock nach seinem Amtsantritt im November 2024 zweifellos stabilisiert. Er übernahm die Kogge auf Platz 14 und führte sie noch auf Rang fünf. Auch in der darauffolgenden Saison landete Hansa auf Platz fünf. Das liest sich zunächst nach einer durchaus erfolgreichen Bilanz. Gleichzeitig muss man aber die Zielsetzung des Vereins berücksichtigen. Hansa wollte und will zurück in die 2. Bundesliga und hatte dafür in den vergangenen beiden Spielzeiten mehrfach eine gute Ausgangsposition. Am Ende fehlte jedoch jeweils immer der entscheidende Schritt. Zwei Mal hintereinander der fünfte Platz bedeutet eben auch zweimal kein Aufstieg.
Genau an diesem Punkt muss die Bewertung der Brinkmann-Zeit ansetzen. Es geht nicht darum, dem Trainer seine Erfolge abzusprechen oder seine Arbeit im Nachhinein schlechtzureden. Hansa war unter Brinkmann über weite Strecken eine Mannschaft, die oben mitspielen konnte. Die entscheidende Frage ist aber, ob sich die Mannschaft unter ihm so weiterentwickelt hat, dass sie irgendwann tatsächlich den Sprung in die 2. Bundesliga schaffen konnte. Und genau daran kamen offenbar zunehmend Zweifel auf. Denn immer dann, wenn Hansa die große Chance hatte, sich einen der Aufstiegsplätze zu krallen, verlor man zumeist sang- und klanglos.
Erhebliche Defizite und Aussetzer in der Defensive
Besonders schwer wiegt dabei, dass die Probleme keineswegs neu waren. Nach der vergangenen Saison hatten Hansa und Brinkmann gemeinsam analysiert, an welchen Stellschrauben die Mannschaft für die neue Spielzeit drehen musste. Die Verantwortlichen um Shapourzadeh wussten also, wo es Verbesserungsbedarf gab. Umso problematischer ist es, wenn dieselben Schwächen wenige Monate später wieder auf dem Platz zu erkennen sind. Vor allem die defensive Stabilität entwickelte sich zu einem wiederkehrenden Thema. Hansa kassierte in den ersten fünf Ligaspielen unter Brinkmann zwölf Gegentore, wettbewerbsübergreifend waren es nach sechs Pflichtspielen sogar 16. Für einen Verein, der mit dem Anspruch auf die Saison geht, um den Aufstieg mitzuspielen, ist das eine Entwicklung, die zwangsläufig Fragen aufwirft. Schon Ende der vergangenen Saison gab es reine wahre Gegentorflut, die Hansa jegliche Aufstiegsträume raubte.
Das 0:4 war keine Kurzschlussreaktion
Dabei wäre es zu einfach, die 0:4-Niederlage bei Viktoria Köln zum alleinigen Grund für die Entlassung zu erklären. Natürlich war dieser Auftritt ein deutlicher Rückschlag und vermutlich der Moment, in dem die Verantwortlichen ihre Entscheidung endgültig trafen. Die Probleme hatten sich allerdings bereits vorher gezeigt, insbesondere in den Heimspielen. Das 3:3 gegen Waldhof Mannheim, das 1:1 gegen Wehen Wiesbaden und die wiederkehrenden defensiven Aussetzer waren weitere Puzzleteile. Hansa hatte nach fünf Spieltagen zwar acht Punkte auf dem Konto und damit keineswegs einen katastrophalen Saisonstart hingelegt. Gleichzeitig war aber nicht zu erkennen, dass sich die Mannschaft gegenüber den bekannten Problemen aus der Vorsaison entscheidend verbessert hatte – trotz einer durchaus gestiegenen Kaderqualität.
Und genau das scheint der Kern der Entscheidung gewesen zu sein. Hansa hat Brinkmann nicht entlassen, weil die Mannschaft nach fünf Spieltagen plötzlich abgeschlagen am Tabellenende stand. Die sportliche Führung hat vielmehr offenbar die Frage gestellt, ob die Entwicklung unter dem Trainer noch in die gewünschte Richtung geht. Wenn man den Aussagen von Sportdirektor Amir Shapourzadeh folgt, fiel die Antwort darauf zunehmend negativ aus. Die Verantwortlichen hatten nach der vergangenen Saison konkrete Themen identifiziert und anschließend festgestellt, dass diese aus ihrer Sicht nicht ausreichend abgestellt wurden. Die Trennung war damit weniger eine Kurzschlussreaktion auf ein einzelnes Spiel als vielmehr der Endpunkt einer Entwicklung, die intern schon länger beobachtet worden war.
Keine Konstanz
Hinzu kommt die fehlende Konstanz. Hansa konnte unter Brinkmann immer wieder zeigen, dass in dieser Mannschaft genügend Qualität steckt, um oben mitzuspielen. Was fehlte, war die Regelmäßigkeit. Auf überzeugende Auftritte folgten immer wieder Spiele, in denen die Mannschaft nicht an ihre eigene Leistungsgrenze kam und teils hohe Niederlagen kassierte. Gerade für einen Aufstiegskandidaten ist das ein entscheidendes Problem. Man kann sich in einer langen Saison nicht darauf verlassen, dass die Mannschaft irgendwann wieder einen guten Lauf bekommt. Wenn das Ziel 2. Bundesliga lautet, müssen gerade die vermeintlich kleineren Spiele regelmäßig gewonnen werden.
Natürlich darf man den Zeitpunkt der Entscheidung hinterfragen. Nach fünf Spieltagen ist eine Saison noch lang, acht Punkte sind keine Bilanz, die automatisch eine Trainerentlassung rechtfertigt, und auch ein 0:4 – auch in dieser Art und Weise – kann immer einmal passieren. Genau deshalb war die Nachricht am Dienstag so überraschend. Wer allerdings nur auf die Tabelle und die vergangenen fünf Spiele schaut, betrachtet eben nur einen kleinen Ausschnitt. Die Verantwortlichen haben ihre Entscheidung nach eigener Aussage auf eine wesentlich längere Entwicklung gestützt.
Was am Dienstagvormittag wie ein Geschoss durch alle Kanäle lief, ist letztendlich die Konsequenz einer monatelangen Stagnation.


