Eine unberechenbare Liga
Mit neidischen und staunenden Blicken werden viele Hansa-Fans am Samstag-Nachmittag kurz vor halb vier auf ihre Handys geschaut haben – und zugleich erleichtert gewesen sein. Während die schon totgeglaubten Braunschweiger über Aufsteiger Elversberg herfielen und diesen mit fünf (!) Toren aus dem eigenen Stadion schossen, verloren die Roten Teufel indes nach 70-minütiger Dominanz noch ihr Heimspiel gegen Düsseldorf mit 1:3. Die Ergebnisse zeigen, wie unberechenbar und dynamisch der Abstiegskampf in der aktuellen Zweitligasaison ist. Keiner weiß so recht, wohin das Pendel ausschlagen wird. Es kann in nahezu alle Richtungen gehen.
Schlechtester Angriff der Liga
Und doch ist eine Konstante da unten deutlich zu erkennen: Hansa ist in der Offensive einfach viel zu harmlos. Mit 24 geschossenen Toren nach 27 gespielten Partien hat unser Herzensverein die schlechteste Sturmreihe der gesamten Liga. Gegen Kiel war man stets bemüht dies zu ändern. Aber eben nur bemüht. Selbst ein zum wiederholten Mal zugesprochener indirekter Freistoß am Fünfmeterraum sorgte nicht für die Erlösung. Ein Schuss von Fröling und ein sehenswerter Fallrückzieher von Perea waren noch das Gefährlichste im gesamten Spiel auf Seiten der Rostocker. Das ist schlicht und ergreifend einfach zu wenig. Auch wenn man gegen eine der Topmannschaften aus der zweiten Liga spielt.
Torreigen eine Seltenheit
An der nötigen Präsenz und Intensität mangelte es jedenfalls nicht. Die Mannschaft hielt, vor allem in der ersten Hälfte, körperlich gut mit und zeigte sich wenig beeindruckt vom frühen Rückstand, welcher extrem ärgerlich war. Insbesondere, wenn man weiß, dass Hansa im Drehen von Rückständen nicht die besten Qualitäten besitzt. Das Fehlen des nimmermüden und pfeilschnellen Kai Prögers merkte man in vielen Sequenzen der Partie besonders. Doch es ist bezeichnend, dass die Kogge schon nach vier Spieltagen bereits knapp 30 % der bisherigen Torerfolge feiern durfte. Das letzte Mal, dass die Ostseestädter überhaupt mal mehr als zwei Tore geschossen haben, liegt schon eine Ewigkeit zurück. Kleiner Tipp: Damals saß sogar noch Jens Härtel auf der Trainerbank. Und auf des Gegners Seite stand ein gewisser Mersad Selimbegovic an der Seitenlinie und dirigierte die in Rot gekleideten Regensburger – jedoch ohne Erfolg.
Keine Vollblutstürmer auf dem Platz
Die offensive Harmlosigkeit ist also ein saisonübergreifendes Problem und kam nicht von Jetzt auf Gleich. Doch besonders in dieser Saison trifft sie der Kogge sehr hart und könnte – wenn es in den nächsten Wochen schlecht läuft – bald fatale Folgen haben. In den meisten Spielen stellt allerdings nicht das Chancenkreieren das Hauptproblem dar, sondern das Verwerten von solchen sich bietenden Gelegenheiten. Es fehlt einfach die Kaltschnäuzigkeit vor dem gegnerischen Tor. Ein Stürmer, der einfach nur den Fuß hinhalten muss, sodass das Ding sofort gefährlich auf des Gegners Kasten zusteuert. Doch solche beschriebenen Spielertypen sind, speziell unsere Vorderleute Perea und Brumado, schlichtweg nicht. Während Erstgenannter eher über seine Schnelligkeit kommt, ist die Spielweise von Brumado vor allem geprägt von seiner Physis. Allerdings ist keiner der beiden ein wirklicher Vollblutstürmer. Die Angriffe wirken zumeist verkrampft und teils auch kopflos. Nach Ruhe und Abgeklärtheit, wie es beim 1:0 gegen Fürth der Fall war, sieht es bei den beiden Stürmern eher nicht aus.
Des Weiteren scheint unter Selimbegovic der geholte Hoffnungsträger aus Island, Sveinn Guðjohnsen, keine sonderlich prägende Rolle zu spielen. Das ist schade, da er vielleicht eher in das Profil eines klassischen Abstaubers passen würde. Gegen den direkten Konkurrenten Wiesbaden braucht es auf jeden Fall wieder mehr Durchsetzungsvermögen im letzten Drittel, wenn es mit den so dringend benötigten drei Punkten klappen soll. Ansonsten wird es im restlichen Saisonfinale sehr schwer mit der punktenden Konkurrenz mitzuhalten.


