Die große Euphorie abrupt ausgebremst
Es war symptomatisch für diesen Nachmittag am vergangenen Samstag: Nachdem ein Handspiel im Essener Strafraum in der 81. Minute gepfiffen wurde, legte sich Neuzugang Emil Holten den Ball in aller Ruhe zurecht. Er ging ein paar Schritte zurück, lief an, und setzte den Ball halbhoch in die von ihm aus gesehen linke Ecke. Torhüter Golz hielt den schwach geschossenen Elfer. Und konnte sich einen Augenblick später ein verschmitztes Grinsen, auch aufgrund des Spielverlaufs, nicht verkneifen – zu Recht.
Es ging absolut gar nichts für Hansa an diesem Tag, eine riesige Enttäuschung. Eine Enttäuschung, die in diesem Ausmaß zu diesem Zeitpunkt eigentlich völlig unerwartet daher kam. Drei Tage zuvor bot man den Fans im Ostseestadion noch teils entfesselnden Fußball an. Insbesondere in der 1. Halbzeit wusste 1860 München nicht, wie ihnen geschieht. Hochmotiviert und mit breiter Brust ging es dementsprechend an die Hafenstraße. Doch die offensive Harmlosigkeit, die auch in den vergangenen Spielen, insbesondere vor dem Duell gegen 1860, zu schaffen machte, schlug auch in Essen gnadenlos zu.
In knapp 50-minütiger Überzahl schaffte man es nicht, die Kugel wenigstens einmal über die Linie zu drücken. Selbst die Abwehr, die zuvor das Prunkstück der Hanseaten gewesen ist, wurde dieses Mal gnadenlos zerpflückt. Die zum teil unerklärlichen Fehlpässe erinnerten darüber hinaus stark an das Spiel in Mannheim aus der letzten Saison. Kurzum: Wieder einmal gehen zum Saisonstart, wie bereits im letzten Jahr, wertvolle Punkte verloren. Doch warum ist das so? An der fehlenden Qualität im Kader kann es insbesondere in diesem Jahr zumindest nicht liegen.
Zur Einordnung ein paar Fakten: Nach sieben Spieltagen kommt die Kogge auf neun Punkte (Platz 13). Das Torverhältnis von vier eigens geschossen Toren und sechs Gegentreffern zeigt indes nochmal, wo es aktuell (mal wieder) besonders hapert, nämlich vor allem in der Offensive.
Verletzungen haben immer noch Einfluss
Die längerfristigen Ausfälle von Voglsammer, Hummel, Naderi, Kinsombi und Lebeau wiegen dabei besonders schwer und tragen ohne Frage zum Stolperstart bei. Immerhin konnte Naderi bereits gegen Osnabrück sein Comeback nach etwa einem halben Jahr ohne Pflichtspieleinsatz feiern. Doch die Möglichkeiten und Lösungen in der Offensive sind aufgrund der zahlreichen Verletzten in diesem Bereich nach wie vor eingeschränkt (trotz Neuzugang Holten), auch weil Hansa jetzt noch vier angeschlagene Offensivspieler zu beklagen hat (Kinsombi, Lebeau, Hummel, Voglsammer). In dieser Hinsicht darf die Kogge gut und gerne in Schutz genommen werden, rechtfertigt jedoch nicht den lustlosen Auftritt in Essen.
Neuzugänge enttäuschen bisher größtenteils
Ein weiterer möglicher Grund für die bisher mehr als ausbaufähige Spielweise sind die Neuzugänge, die noch nicht wirklich eingeschlagen und in das Spielsystem eingebunden sind. Der auffälligste Akteur ist noch Krauß, der insbesondere durch seine hohe Laufleistung und Bereitschaft auffällt. Doch auch bei ihm ist noch deutlich Luft nach oben. Er versucht viel, doch zumeist sind seine schnellen Durchbrüche noch gefundenes Fressen für die gegnerischen Abwehrreihen. Auch von Carstens, der in Wiesbaden letzte Saison noch zu den Konstanten zählte und an der Ostsee zu den großen Hoffnungsträgern zählt, hat man sich bisher etwas mehr erhofft. Mithilfe des großgewachsenen Innenverteidigers sollte des Weiteren mehr Gefahr bei eigenen Standards kreiert werden. Allerdings wurden die Ecken und Freistöße zum größten Teil unzureichend genutzt in dieser noch jungen Saison – Stand jetzt.
Der ebenfalls vor der Saison hochgepriesene Paul Stock von Zweitligist Elversberg steht derweil komplett neben sich. Aktuell reicht es für den Routinier noch nicht mal für einen Platz auf der Bank. Während er in den Testspielen noch zu überzeugen wusste, gelang ihm in der laufenden Saison bisher sehr, sehr wenig. Einzige Ausnahme: sein super Freistoß gegen Ingolstadt, den Ponath überragend aus dem Eck fischt.
Oder doch alles Kopfsache?
Brinkmann war während der Sommerpause sehr bemüht, das Thema Aufstieg so weit wie möglich von den Spielern wegzuhalten, um Druck vom Ventil zu nehmen. Doch natürlich wollte er auch nicht die Ambitionen für die kommende Saison herunterspielen – ein rhetorischer Drahtseilakt. Der 39-Jährige verpackte es geschickt mit den Worten, dass man so lange wie möglich oben mitspielen wolle, um anschließend zu schauen, wo die Reise am Ende hingehe. Allerdings war der Hype und die daraus entstehenden Erwartungen durchaus hoch und wurde verstärkt durch folgende Faktoren:
Der Großteil des Kaders ist zusammengeblieben. Des Weiteren konnte man sich punktuell auf vielen Positionen weiter (namhaft) verstärken und Brinkmann, der letzte Saison mit seiner Spielphilosophie überperformte und sich damit schnell in die Herzen der Fans coachte, von Beginn an in Ruhe machen lassen.
Auch zahlreiche Medien haben die Kogge sofort als direkten Aufstiegsfavoriten ausgerufen – wir Hobbyjournalisten nehmen uns da nicht raus. Das geht natürlich nicht an einen jungen Trainer spurlos vorbei, der zuvor einen durchaus ambitionierten Regionalligisten trainierte. Letzte Saison ging es noch darum, dass Hansa aus den größten Abstiegssorgen rauskommt. In der aktuellen Saison sollte die Kogge gleich voll da sein. Und das könnte zu einer gewissen Verkrampfung geführt haben, wie wir sie gerade womöglich erleben. Meiner Meinung nach merkt man dies in vielen Situationen. Insbesondere dann, wenn es in Richtung des gegnerischen Tores geht. Es dauert einfach alles viel zu lange, bis eine Entscheidung getroffen wird. Zumeist wählt man den Sicherheitspass nach hinten – oder eben einen Pass zu viel, ehe der Abschluss folgt. Gegen Osnabrück wollte Brinkmann beim Stand von 0:0 den unverdienten Punkt nicht gefährden, indem er ausdrücklich anzeigte, dass mehrere Spieler beim eigenen Konter hinten bleiben sollen.
Was fehlt, ist der Mut zum Risiko, der noch in der letzten Saison belohnt wurde. Fakt ist, dass gegen Havelse eine deutliche Leistungssteigerung her muss. Die Rückrunde ist noch lang. Da kann also noch sehr viel passieren bis Weihnachten.


